DEMOLITION MODE
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Jetzt wird’s ernst, liebe Blog-Leser! Das rauschende Eröffnungs-Wochenende ist vorbei, wir alle haben unsere Kater nach zuviel Billig-Bier bei diversen Partys ausgeschlafen – und der mausgraue Ausstellungs-Alltag beginnt. Will heißen: Man darf nicht mehr nur über CCB und ihre versponnene Konzeptlosigkeit-als-Konzept-Schau lästern – man muss sich angucken, was sie verbrochen hat.

 

Dafür habt Ihr eigentlich gar keine Zeit: McJobs, Nachtleben und amour-fou-Facebook-Fernbeziehungen mit durchgeknallten Aktions-Künster(inne)n aus Taiwan oder Australien, denen ihr soeben beim Eröffnungs-Wochenende verfallen seid, füllen Eure Tage völlig aus. Macht nix, Euer doggymenta-Blogger weiß Rat. Mit dem kleinen „Mitreden-ohne-Hinzugehen“-Crash-Kurs, der ab sofort in lockerer Folge in diesem Blog veröffentlicht wird.

 

Kurz-Führung für Oma + Opa

 

Mit praktischem Mehrwert: Falls im Laufe des Sommers Oma und Opa aus Dinslaken bei Euch aufkreuzen, damit Ihr sie über die doggymenta führt, seid Ihr wohl präpariert. Konzentriert Euch einfach auf die Meisterwerke, die ich Euch empfehle, und ignoriert den übrigen Schrott – Eure fußlahmen Großeltern werden es Euch danken!

 

Heute fangen wir mit dem Anfang an – bzw. mit dem Herz der Bestie. Das Fridericianum ist seit jeher der zentrale Ausstellungsbau der documenta (stimmt nicht ganz, sie fand 1955 auch in der Orangerie statt, aber das ist egal). Also müssen wir uns durch drei Stockwerke quälen.

 

Brain” mit Trash aus dem Gehirn von CCB

 

Wobei das im EG leicht fällt: Links ist nix zu sehen, weil Ryan Gander nur einen „leichten Luftzug“ ausstellt und Ceal Floyer den mit einem Soul-Refrain beschallt. Rechts gibt es nur eine Vitrine mit drei kleinen Skulpturen des Spaniers Julio Gonzalez aus den 1950ern (von wegen Gegenwartskunst), dahinter ein Video, das vorführt, wie ein Picasso-Bild erstmals in Palästina ausgestellt wurde. Jede Wettervorhersage ist aufregender.

 

In der EG-Rotunde in der Mitte hat CCB das „Brain“ platziert – also eine Zusammenstellung dessen, was ihr besonders wichtig ist. Da findet ihr eine Rumpelkammer mit Trash aus fünf Jahrtausenden: von antiken Ton-Figürchen aus Nord-Afghanistan (damals Baktrien) über Fotos von Lee Miller, die sie 1945 in Hitlers Privat-Wohnung aufnahm (und dort ein Bad nahm).

 

Naive Anti-Nazi-Wandteppiche aus Norwegen

 

Bis zu einer schnarchlangweiligen Landschaft des Afghanen Mohammad Yusuf Asefi: Der übermalte auf diese Weise figurative Gemälde (also Bilder von Personen), damit die Taliban sie nicht zerstörten (als Fanatiker nehmen die nämlich das Bilder-Verbot im Islam blutig ernst). Also spart Euch die Mühe – hier sieht es so unaufgeräumt aus wie im Kopf von CCB.

 

Rauf in den ersten Stock: In der Rotunde findet Ihr peinliche Wandteppiche der Norwegerin Hannah Ryggen, mit denen sie in den 1930/50ern gegen Faschismus und Krieg protestierte – naiver geht es kaum. Falls Eure Großeltern im KZ einsaßen oder Gefallen an holocaust business finden, wäre der linke Saal etwas für sie.

 

Mentale Landkarten aus Australien

 

Hier sind ein paar Dutzend Bilder des „Singspiels Leben? Oder Theater?“ ausgestellt. Die Jüdin Charlotte Salomon malte sie 1941/42 in Paris, bevor sie von den Nazis ermordet wurde. Vergesst die Hinterglas-Malereien an den Fenstern: Die sind von der Ägypterin Anna Boghiguian, die seit Präsident Saddat (1982 ermordet) keine Dusche mehr benutzt und nur noch fünf Zähne im Damenbart-umkränzten Mund hat – eklige Erscheinung!

 

Dahinter folgt ein Saal mit Bildern von Warlimpirringa Tjapaltjarri. Nicht gerade ein leicht auszusprechender Name: Der Mann ist Aborigine, zählt also zu Australiens Ureinwohnern. Ihr werdet denken, er male abstrakt – weit gefehlt: Diese verschlungenen Muster sind etwas Ähnliches wie mentale Landkarten. Seit Jahrtausenden halten die Aborigines auf solchen Bildern ihr Welt-Wissen über ihr Territorium, Geister der Ahnen usw. fest. Eine Art Notiz-Block oder Geschichts-Chronik für eine Kultur, die weder Bücher noch Schrift kennt.

 

US-Verschwörungs-Theorien + Äpfel aus dem KZ Dachau

 

Im mittigen Saal werden Freunde von Verschwörungs-Theorien fündig: Hier sind Kartei-Karten und Schaubilder von Mark Lombardi zu sehen. Der vor kurzem verstorbene Ami, über den gerade eine Doku im Kino angelaufen ist, hat manisch Zeitungen ausgewertet, um zu beweisen, wie alle mit allen konspirieren – und das als Kunst verkauft (sogar die CIA soll sich dafür interessieren).

 

Falls Oma und Opa Hobbygärtner sind, gefallen ihnen sicher die Apfel-Bilder links davon: Korbinian Aigner war ein Pfarrer, den die Nazis im KZ Dachau einsperrten, wo er Apfel-Sorten züchtete und liebevoll mit Buntstiften festhielt. Guten Appetit!

 

Quanten-Physik für Fisher-Technik-Freunde

 

Dahinter, also im rechten Saal, kommen Fisher-Technik-Freunde auf ihre Kosten. Anton Zeilinger ist ein Quantenphysiker, der hier seine Versuchs-Apparate aufgestellt hat – fragt nicht, was die auf einer Kunst-Schau zu suchen haben. Freundliche Assistenten klären Euch gerne über die Geheimnisse der Erforschung subatomarer Teilchen auf.

 

Bitte spart Euch den Rest auf dieser Etage: Er ist so belanglos, dass ich ihn mir schenke. Nun aber fix ins Obergeschoss: Hier warten zwei Spitzenwerke auf Euch! In der Rotunde eine Tapisserie (d.h. ein Wand füllender Teppich) der Polin Goshka Macuga.

 

Königspalast-Tapisserie aus Afghanistan

 

Der zeigt in fotorealistischer Manier afghanische Würdenträger, die sie bei einem Empfang in Kabul ablichtete – darüber die Ruine des Königspalasts aus den 1930er Jahren, der im Bürgerkrieg zerstört wurde. Eine spiegelbildlich analoge Tapisserie stellt Macuga ab Ende Juni in Kabul aus – darauf ist das wieder aufgebaute Fridericianum zu sehen. Es lebe die deutsch-afghanische Freundschaft!

 

Im Saal links folgt das absolute Highlight: Die Mega-Installation „The Repair“ von Kader Attia. Der Franzose algerischer Abstammung hat Schrott aus dem Ersten Weltkrieg gesammelt, den afrikanische Handwerker sinnvoll recycled haben: Patronen-Hülsen verarbeiteten sie zu Bilder-Rahmen, Stahl-Helme zu Musik-Instrumenten usw.

 

Weltkriegs-Opfer aus Afrika als Holz-Büsten

 

Dazu zeigt er Holz-Büsten von Afrikanern, die im Krieg schwer verwundet wurden: völlig deformierte Gesichter, denen Granaten die Wangen oder Lippen wegfetzten. Hart, aber klug: Wer weiß hierzulande schon, dass viele Afrikaner im WWI bei den alliierten Truppen dienten und litten? Das nenne ich mal intelligente und informative Polit-Kunst!

 

Sorry, dass dieser Blog-Eintrag ein so elend langer Riemen geworden ist, aber keine Angst: Das Friedericanum hat CCB am meisten zugemüllt, die übrigen Stationen unseres Rundgangs werden kürzer ausfallen. Und wer bis hierher bei der Lektüre durchgehalten hat, den belohne ich mit einem sechsminütigen Video-Rundgang: Damit Ihr Oma und Opa alles schön erklären könnt, ohne vorher 20 € für die unverschämt teure Tageskarte zu latzen. Have fun!

 

Veröffentlicht am: 14.06.2012