DEMOLITION MODE
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Ihr denkt, Ihr habt schon alles gehört? Keine noch so exotischen Klänge können Euch mehr als ein Gähnen entlocken? Dann halte ich dagegen: mit der vermutlich exklusivsten Musik der Welt. Außer gelegentlich bei Live-Konzerten ist sie höchstens auf den Kultur-Frequenzen der öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Sender zu hören (z.B. HR 2) – und auch dort am ehesten zur prime time nachts um halb drei Uhr.

 

Es geht um „freie improvisierte Musik“. Das klingt unscharf bis nichtssagend – wer schon einmal Musik-Therapie mitgemacht hat, wird sich an kollektives Herumklopfen auf diversen Saiten- und Schlag-Instrumenten erinnern. Nicht völlig falsch, aber trotzdem irreführend: Musiker, die sich freier Improvisation verschreiben, treten auch in Gruppen auf. Allerdings beherrschen sie im Unterschied zu therapiebedürftigen Anfängern ihre Instrumente – meist virtuos.

 

Ohrenkratzer im ARM-Gewölbe-Keller

 

Andernfalls könnten sie gar nicht zusammenspielen. Freie Improvisation hört sich zwar in manchen Momenten wie chaotische Kakophonie an – aber das geht rasch vorüber, und die Musiker finden rasch wieder zu stimmigen Harmonien zusammen. Wie sie das machen, bleibt ihr Geheimnis; häufig können sie es selbst nicht genau erklären. Aber man hört es.

 

Etwa bei den sieben „Kollisionen“-Konzerten, die der Verein „Ohrenkratzer e.V.“ während des documenta-Sommers im ARM veranstaltet. Bzw. darunter: Musiziert wird eine Etage tiefer im Gewölbe-Keller unter dem ARM-Tanzboden. Geschätzt fünf Meter unter der Erdoberfläche ist die Akustik überraschend gut – und das spröde Ruinen-Ambiente passt prima zu den ungewöhnlichen Klang-Gebilden, die dort entstehen.

 

20 Gäste bei 14-tägiger Konzert-Reihe

 

Die Ohrenkratzer-Vorsitzende, Flötistin Ulrike Lentz, sowie ihr Kompagnon Martin Speicher, der Klarinette und Saxofon spielt, haben für die Konzert-Reihe mehr als 20 Gäste eingeladen: Alle zwei Wochen steht samstags ab 20 Uhr ein anderes Ensemble auf der Bühne. Entsprechend wird bei jedem Auftritt auch die dargebotene Musik ganz unterschiedlich ausfallen. Was genau zu hören sein wird, weiß vorher kein Mitspieler – das ist das Spannende daran.

 

Um Euch nicht völlig im dunklen Gewölbe-Keller tappen zu lassen, hier noch ein paar Begriffs-Schubladen: Die Konzerte bewegen sich irgendwo zwischen Post-Free-Jazz, Neuer (E-)Musik (also dem, was akademisch ausgebildete Leute komponieren) und Electronica diverser Spielarten.

 

Love it or leave it!

 

Alles klar? Natürlich nicht: Die Szene der freien Improvisierer samt Publikum ist klitzeklein und das Spektrum möglicher Klänge so riesengroß, dass es dafür einfach keine allgemein anerkannten Bezeichnungen gibt. Man muss sich das einfach anhören, um zu verstehen – und es lieben oder hassen; gleichgültig lässt diese Musik kaum jemanden.

 

Und nun der Service-Teil: zunächst ein Mitschnitt vom ersten Kollisionen-Konzert am 23.6., in zwei handliche mp3-Daten-Päckchen von jeweils unter 16 MB aufgeteilt – Teil 1 (17 min.) und Teil2 (15 min.) (nach dem Anklicken erscheint die grüne ARM-Website, auf der zwei Mal der Begriff “Kollisionen 1…” zu lesen ist. Ihr müsst den unteren, kleiner geschriebenen Kollisionen-Link anklicken – dann startet der Audio-Player). In folgender Besetzung: Ulrike Lentz – Alt-Querflöte; Andreas Düker – Gitarre (und Laptop); Ray Kaczynski – Percussion (mit selbst gebauten Klang-Skulpturen) und Martin Speicher – Bass-Klarinette.

 

Für Eilige: Wollt Ihr die Musiker in Aktion sehen, schaut Euch unten den knapp dreiminütigen Video-Clip an. Und falls Ihr auf den Geschmack gekommen seid: Hier findet Ihr das komplette Konzert-Programm bis Mitte September und hier ausführliche Erläuterungen zu allen Musikern, die dabei auftreten werden. Enjoy!

 

Veröffentlicht am: 27.06.2012